Bericht von der Tagung des AK Naturwissenschaft und Glaube in Kooperation mit dem Netzwerk Politik des ND
Die Orientierung an der Wahrheit ist fundamental für jede Kommunikation. Sie ist konstitutiv für die Wissenschaft, für das Justizwesen, für die Religion. Aber auch die Politik kommt nicht ohne Wahrheitsbezug aus. Umso mehr muss es beunruhigen, dass selbst die „kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, wie die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim es nennt, immer mehr zu schwinden scheint. Wissenschaftlich gesicherte Wahrheiten werden zunehmend missachtet. An die Stelle von Tatsachen treten „alternative facts“ (Kellyanne Conway, ehemalige Pressesprecherin von Donald Trump). Unwahrheiten und bewusste Lügen scheinen mehr und mehr sogar zu einem neuen „Erfolgsmodell“ in der Politik zu werden. Bei der Tagung im Kloster Salmünster mit 35 Teilnehmenden warfen wir einen Blick auf die naturwissenschaftlichen Methoden der Wahrheitsfindung, auf die Wahrheit in der Politik sowie auf erkenntnisphilosophische und auf religiöse Aspekte des Wahrheitsbegriffs.
BB Dr. Gerd Weckwerth, Physiker und Kosmochemiker an der Universität Köln, begann seine Einführung zunächst mit der Feststellung, dass sich fast alle Themen dieses Arbeitskreises der letzten 40 Jahre mit der Suche nach Wahrheit bzw. mit der Anwendung gefundener Wahrheiten beschäftigt haben. Wahrheiten treten in sehr vielen Formen auf, die er, ähnlich wie die Ursachen von Unwahrheiten, als Basis zu weiterer Betrachtung zunächst nur aufzählte und passenden Kriterien und Motiven zuordnete. Durch Beobachten und Messen versuchen die Naturwissenschaften sich den Realitäten unserer Welt zu nähern. Zu jedem Messergebnis gehört dabei eine Fehlerangabe, mit der die Einzelresultate um den angegebenen Mittelwert streuen können. Entscheidend ist dabei, durch mehr unabhängige Stichproben die statistische Genauigkeit zu verbessern (Gesetz der großen Zahl). Messungen liefern also niemals absolute Wahrheiten, sondern gelten dann als wahr, wenn die erreichte Präzision des Messwerts durch die Fehlerangabe nachvollziehbar abgebildet wird. Ein üblicher Wert ist die sogenannte dreifache Standardabweichung, nach der zu 99.7%, z.B. eine Vaterschaft nach einem DNA-Test mindestens feststehen sollte.
Genauer widmete sich Weckwerth dann einem Beispiel für eine auch weltbildlich relevante Wahrheitsfindung, der Datierung des Alters unserer Erde. Während Kepler noch von den aus der Bibel abgeleiteten 6000 Jahren ausging, benutzte man ab dem 18. Jahrhundert Abkühlungs- und Sedimentationsraten, die erstmals auf viel längere Abläufe deuteten. Eine präzisere Datierung wurde erst nach Entdeckung der Radioaktivität Anfang des 20. Jahrhunderts möglich. Dabei nutzte man das Festwerden von Gesteinen, ab dem sich z.B. das Verhältnis bis heute noch vorhandener instabiler Isotope zu stabilen Tochter-Isotopen eines Zerfallssystems nachweisbar verändert. Das kann als Isotopen-Uhr genutzt werden, sofern sich dieses in mehreren gesteinsbildenden Mineralien separat mit Massen-spektrometern sehr präzise messen lässt. Damit ergab sich, dass im Gegensatz zu nie älter als 4 Milliarden Jahren alten irdischen Gesteinen, über 99% aller Meteorite ein Alter von 4.562-4.568 Mrd. Jahre aufweisen. Dass diese Zeitspanne den Bildungszeitraum des Sonnensystems abdeckt, lässt sich mit den relativen Gehalten des damals noch vorhandenen 26Al belegen (Halbwertszeit: 717000 J.), die sich heute über erhöhte 26Mg-Anteile nachweisen lassen.
Die Entdeckung der Radioaktivität wurde im 20. Jahrhundert zu Fluch und Segen zugleich und bis heute zu einem Politikum. Neben dem Abwurf von Atombomben und Ängsten vor AKWs speziell nach Unfällen mit Ausstreuung strahlender Stäube, führte sie zu zentralen Erkenntnissen über den Aufbau der Materie und zu heute üblichen bildgebenden Diagnose- und Behandlungsverfahren. Umstritten bleibt ihr Verdienst in AKWs als Übergangsenergie zur Reduzierung des CO2-Ausstosses.
BB Dr. Hermann Josef Tebroke, Leiter des ND, von Hause aus Wirtschaftswissenschaftler, danach in vielen politischen Ämtern von der kommunalen bis zur Bundesebene tätig, erläuterte uns am Samstagvormittag direkt aus dem „Maschinenraum Politik“ den Umgang mit der Wahrheit. Idealtypisch beginnt seriöse Politik mit der Feststellung und Beschreibung von Realität. Sie nimmt sodann, orientiert am jeweils zu Grunde gelegten normativen Rahmen, eine Bewertung der Tatsachen vor und kommt zu Handlungen, z.B. in Form konkreter Maßnahmen oder in Form von Gesetzgebung. Dies alles vollzieht sich im Prozess des politischen Wettbewerbs der Parteien um die Gunst der Wähler/innen und unter dauernden Kontrolle der Medien. Zur Steigerung der Objektivität werden Sachverständige herangezogen, die aber gerade in gesellschaftlich und wissenschaftlich komplexen Fragen wie Klimaschutz, Migration oder Sozialversicherung nicht immer übereinstimmen. Gleichwohl bleiben Wissenschaft und Medien wichtige „Wahrheits-instanzen“, sofern sie ihre Grundannahmen und (Recherche-)Methoden offenlegen. Eine wichtige Rolle spielen auch die Justiz und der Verfassungsschutz.
Das nüchterne Fazit von Hermann Josef Tebroke: Die politische Arena ist nicht in erster Linie ein Streit um Wahrheit, aber die Politiker/innen sollten versuchen, ihren Entscheidungen eine möglichst wirklichkeitsnahen Einschätzung zu Grunde zu legen. Zudem sind sie als staatliche Akteure zum Schutz der Verfassung und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet. Die dort implizierten normativen Wahrheiten, ausgehend von der Menschenwürde, sind nicht verhandelbar. Wenn sie aufgegeben werden, stirbt die Freiheit und stirbt die Demokratie.
BB Elmar Sulk, der seit 2004 in den USA lebt, sich aber zurzeit aus familiären Gründen überwiegend in Deutschland aufhält, konnte leider nicht an der Tagung teilnehmen, hat aber ein Paper zu Wahrheit und Politik in den USA beigesteuert. Darin beschreibt er die extreme gesellschaftliche Polarisierung in den USA. Diese drückt sich aus in der Bildung von „In-Groups“ mit jeweils eigenen Wahrheiten. Im Zweifelsfall werde die Gruppenidentität über die Wahrheit gestellt. Diese Abschottung führe automatisch zu der Behauptung, die jeweils andere Seite verbreite lediglich „fake news“, man selber aber sei auf dem richtigen Weg. Auch die Medien spielen dieses Spiel entgegen ihrem eigentlichen Auftrag zu einem guten Teil mit. Elmar Sulk erläutert in seinem Paper diesen Mechanismus der „identity-protectic cognition“ anhand der Debatte über die Zahl der notwendigen Impfungen. Er sieht in solchen post-faktischen Auseinandersetzungen den sicheren Weg in das Ende der Demokratie, wie wir sie heute kennen.
In ihrem Vortrag „Fakten, Fake und Wahrheit“ stellte die Bonner Philosophin Prof. Dr. Elke Brendel zunächst die gängigen philosophischen Wahrheitstheorien vor: Korrespondenz (Übereinstimmung von Aussage und Sachverhalt), Kohärenz (Stimmigkeit der Aussage mit bislang verifizierten Aussagen), Pragmatik (Nützlichkeit der Aussage zur erfolgreichen Erklärung von Tatsachen), Konsens (Bewährung eines Geltungsanspruchs in zwangloser Kommunikation). Brendel sieht in diesen Theorien aber keine Widersprüche, sondern hält sie eher für komplementär.
Im Weiteren betonte sie, dass Wahrheiten immer relativ zu einem Standpunkt, einer Perspektive und einem Kontext gesehen werden müssen und daher auch scheinbar widersprüchliche Aussagen bei näherer Betrachtung und geduldiger Kommunikation in Wirklichkeit keine Kontradiktionen sind. Die Abhängigkeit der empirischen Wissenschaft von jeweils umgreifenden theoretischen Vorannahmen, die Thomas S. Kuhn „Paradigmen“ nennt, werde mitunter zu wenig berücksichtigt. Sie betonte mit Nachdruck, damit keinen Relativismus zu vertreten. Vielmehr neige sie auf der Linie Karl Poppers zu einer differenzierten Position des kritischen Realismus und Rationalismus. Dieser geht davon aus, dass es „da draußen“ eine Wirklichkeit gibt, die zu erkennen, Aufgabe der Wissenschaft ist. Dabei könne diese Erkenntnis immer nur approximativ und müsse jederzeit fallibel sein. Aus dem Fallibilismus folge aber kein Subjektivismus. Wenn die Wissenschaft die grundlegende Orientierung am Ideal objektiver Wahrheit aufgäbe, verlöre sie ihren Sinn und ihren inneren Antrieb. Die Suche nach eindeutigen und gut begründeten Fakten und wahren Theorien über diese Fakten sollte auch weiterhin ein Erkenntnisziel der Menschen sein.
Im Abschlussgespräch am Sonntag-Vormittag ging es um die Frage, ob zwischen-menschliche Beziehungen notwendigerweise implizieren, immer wahrhaftig miteinander umzugehen oder es mitunter auch geboten sein kann, die Wahrheit gar nicht oder nur „portioniert“ und in einem verträglichen Maß zu sagen. Klassische Beispiele sind: ärztliche Aufklärung, Kommunikation von Menschen in verbindlichen Partnerschaften, Notlügen zum Schutz von Menschen vor Verfolgung, politische Kommunikation in Katastrophensituationen. Das Ergebnis der Diskussion lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass das achte Gebot „Du sollst nicht lügen“, das in der Bibel übrigens deutlich enger gefasst ist, als grundsätzliche Regel gedacht sei, die Wahrheit aber immer „in Liebe“ gesagt werden sollte.
Was ist überhaupt Wahrheit? fragte schon Pilatus, als er hörte, dass Jesus „dazu geboren und dazu in die Welt gekommen sei, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“ (Joh 18, 37f). Mit diesem Evangelium hat BB Bernd Weckwerth in der abschließenden Eucharistiefeier die religiöse Wahrheit, in den Blick genommen, die vielen Variationen, die selbst im Christentum nicht alle gleichzeitig wahr sein können. Aber schon im alten Ägypten hat man die gleichen Fragen gestellt und aus der damaligen Perspektive heraus ähnliche Antworten gefunden und daraus großartige Kunstwerke gefertigt.
Die Forschung im Bereich der weltweiten Religionsgeschichte und der aktuelle inter-religiöse Dialog seit dem II. Vaticanum zeigt, wie viel wir voneinander gelernt haben und weiter lernen. Dabei verändert sich auf Dauer auch die Lehre und die Sozialgestalt nicht nur unserer Kirche. Gerade mit dem Versuch an zeitbedingten alten Wahrheiten gewalt-sam festzuhalten, haben die Religionen oft unnötig viel Leid über die Welt gebracht und dabei zugelassen, den Glauben für politische Zwecke u.a. zu missbrauchen. Erst wenn wir uns das gegenseitig eingestehen, können wir glaubwürdig das große Erbe, die Suche nach der gemeinsamen Wahrheit, bewahren und fortsetzen.
Kurt Schanné und Gerd Weckwerth











