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Gegen Fundamentalismus oder gegen Interdisziplinarität?
Wie der Biologieunterricht auch in Deutschland zum Zankapfel wurde
In den letzten Monaten ist aus den USA ein Streit über den Biologieunterricht verstärkt auch nach Deutschland herüber gekommen, der dort unter anderem wegen des Verbots konfessionellen Religionsunterrichts an den staatlichen Schulen entstanden war. Die seit den sogenannten „Affenprozessen“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt im Süden der USA aufgetretene kreationistische Bewegung richtete sich gegen die Darwinsche Evolutionstheorie. Sie wird von dieser als Irrtum atheistisch verblendeter Materialisten gegeißelt, vor allem weil sie als Widerspruch zum christlichen Schöpfungs- und Menschenbild gesehen wird. Mehrfach Versuche vor Gerichten der USA die Evolutionslehre im Biologieunterricht durch eine biblische Schöpfungslehre zu ersetzen, scheiterten jedoch mit dem Hinweis auf das Verbot des schulischen Religionsunterrichts.

Deshalb breitete sich in den letzten 20 Jahren in den USA eine eher überkonfessionelle Bewegung namens „Intelligent Design“ aus, die sich als wissenschaftliches Gegenstück zur Evolutionslehre versteht und die Entstehung von Mensch und Natur bis in die Details nur durch einen intelligenten Designer für möglich hält. Sie versucht die Evolutionstheorie an den Schulen schleichend zu verdrängen, indem sie sich Lehrer, Eltern und Politiker als einzig mit der christlichen Weltanschauung verträgliche Position anbietet und Anhänger bis zum Präsidenten findet.

Trotz einer wachsenden Anhängerschaft in der Bevölkerung hat es die Intelligent Design Bewegung in den USA inzwischen immer schwerer auf den Unterricht an staatlichen Schulen Einfluss zu nehmen. Gerichtliche Verbote, wie das an einer Schule in Dover (Pennsylvania) zeigten zuletzt, dass man auch dort immer weniger von der Wissenschaftlichkeit der durch Intelligent Design verbreiteten Thesen überzeugt ist.

In Deutschland gibt es seit dem 2. Weltkrieg lediglich eine kleine Zahl von Anti-Evolutionisten, meist im Umfeld evangelischer Freikirchen. Sie gehören oft auch zu den Hardlinern gegen Abtreibung und Homosexualität, meist im Gewand besonders bibeltreuer Christen, die naturgemäß auch historisch kritische Exegese ablehnen. Da sie meist nur geringen Einfluss auf den Religionsunterricht der großen Kirchen ausüben können, versuchten sie nach den Vorbildern aus den USA stattdessen den Biologieunterricht zu beeinflussen. Beispielhaft war dafür das von Juncker und Scherer herausgebrachte Buch „Evolution, ein kritisches Lehrbuch“ das sogar einen Schulbuchpreis erhielt und zunächst kaum als fundamentalistisch erkannt wurde. Über lange Passagen werden in diesem Buch wenig strittige Themen behandelt und nur in der Art wie anhand von Lücken und Grenzen der Evolutionstheorie der Zweifel an der ganzen Theorie gesät wurde, wird die dahinter stehende Haltung erkennbar.

In Deutschland spielte der Antievolutionismus an den Schulen jedoch bisher keine größere Rolle und ist sicherlich auch in den großen Kirchen weit weniger als in den USA präsent. Weit entfernt davon ist vor allem der Biologieunterricht, der auch methodisch bisher auf eine rein naturwissenschaftlicher Basis ausgerichtet ist. In einer Zeit gewaltbereiter islamischer Fundamentalisten und einer wachsenden Kritik an den USA, deren Kurs sich ebenfalls Fundamentalismus Vorwürfen ausgesetzt sieht, verwundert es jedoch nicht, wenn auch dem Kreationismus als einer besonderen Form des christlichen Fundamentalismus wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Eine sicherlich immer schon vorhandene kleine Zahl an kreationistisch ausgerichteten Biologielehrern konnte daher Anlass zu Filmen über christlichen Fundamentalismus in Deutschland geben, wie die Anfang Juli in der ARD gelaufene Dokumentation über „die Hardliner des Herrn“ oder der im letzten Herbst bei ARTE gesendete Beitrag „Von Göttern und Designern“).

Dass man in einer solchen Zeit wegen unglücklicher Wortwahl schnell zum Fundamentalisten gemacht wird, musste nach Kardinal Schönborn 2005 auch die hessische Kultusministerin Karin Wolff in den letzten Wochen erfahren. Während es bei Schönborn die Benutzung des in den USA kreationistisch besetzten Wortes „Design“ war, brachte das vermeintlich aus den USA übernommene Ansinnen von Frau Wolff auch nicht-naturwissenschaftlich geprägten Stoff wie die biblische Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht zu behandeln ihr eine Abstempelung als Fundamentalistin ein. Selbst die evangelische Kirche aus Deutschland, fühlte sich angesichts ihrer unliebsamen Erfahrung mit der Situation in den USA zu einer schnellen Ablehnung veranlasst.

Aber offensichtlich hatte man nicht genau genug hingehört. Hat Frau Wolff nicht recht, wenn sie einen einseitig auf naturwissenschaftlich-materielles Faktenwissen beschränkte Biologieunterricht in der Oberstufe mehr mit interdisziplinären Fragestellungen anreichern möchte? Steht nicht z.B. der Sexualkundeunterricht seit seiner Einführung in der Kritik sich zu sehr auf naturwissenschaftliche Fakten zu beschränken und wenig sensibel zu sein für die Probleme von Liebe und ethischen Fragestellungen, wie Verhütung und Abtreibung? Wie soll man Bedenken nicht nur der Kirchen gegen Gentechnik, Stammzellenforschung oder Umweltzerstörung verstehen, wenn man Haltungen wie „Bewahrung der Schöpfung“ als unwissenschaftlich gar nicht hinterfragen darf? Wie soll man den Streit um die Evolutionstheorie verstehen, wenn man die aus sehr unterschiedlichen Disziplinen wie Philosophie, Religion, Kulturgeschichte, Mathematik, Chemie stammenden Argumente nicht miteinander verknüpfen darf?

Einer der ersten, der Frau Wolffs Plan, mehr interdisziplinäre Aspekte in den Biologieunterricht einzubeziehen, eindeutig unterstützte war der Theologe Hans Küng. Mit seinem Buch vom „Anfang aller Dinge“ lieferte er 2005 eine Beispiel dafür ab, welche Bedeutung Naturwissenschaft für die Theologie hat und wie der Glaube keineswegs den naturwissenschaftlich erkannten Fakten entgegenstehen muss, wie also ein interdisziplinärer Exkurs gerade hilft das eigene Gebiet besser zu verstehen. Es ist daher nicht nur für ihn logisch, dass auch die Biologie ohne Exkurse und Hilfen aus anderen Gebieten viele Probleme der eigenen Disziplin weder ergründen noch bewältigen kann.

Letztlich kann vielleicht nur Interdisziplinarität helfen, die Kurzsichtigkeit des Fundamentalismus zu entlarven. Dessen Ursprung besteht ja gerade darin, dass man der eigenen Disziplin, einen Alleinvertretungsanspruch einräumt und gegen alle Argumente aus anderen Quellen, allein einer wörtlichen Interpretation der Bibel vertrauen möchte. In gleicher Weise muss eine allein auf atheistisch-materialistischer Methodik beruhende Interpretation der Natur als kurzsichtig fundamentalistisch angesehen werden, trotz aller Erfolge, die Naturwissenschaften mit einer solchen Methodik in der Neuzeit erringen konnte. So gehören die Grenzen naturwissenschaftlichen Erkennens, u.a. im Rahmen der Fehlerrechnung, zu jeder hinreichend guten naturwissenschaftlichen Arbeit. Das Umgehen mit nicht oder noch nicht beantwortbaren Fragen hat dagegen mehr mit uraltem menschlichem Erfahrungswissen zu tun.

So ist z.B. die Gewissheit „hinterm Horizont geht’s weiter“ und sich mit diesem jenseitigen Feld zu beschäftigen, auch wenn noch keine Messungen darüber existieren, von der Methodik her typisch unwissenschaftlich. Da naturwissenschaftliche Forschung aber immer wieder von der Gewissheit unerforschter Bereiche motiviert wird, sich also auf eine Spekulation einlassen muss, kommt auch die Forschung letztlich kaum ohne Glaube und Hoffnung aus. Sicherlich sollte man zwischen gesicherten Erkenntnissen, bedeutsamen Theorien und wichtigen Felder von Glauben und Hoffnung unterscheiden aber nicht zum Zweck, das Leben und seine Vorstellung von Wahrheit nur auf eines dieser Felder fundamentalistisch zu beschränken. Daher lässt sich auch nicht allein aus dem Stichwort „Design“ eine fundamentalistisch Haltung erschließen. Wohl aber, wenn wie bei den Kreationisten das intuitive Erkennen von Design weit über gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnisse gestellt wird.

Dass auch deren Anhänger naturwissenschaftliche Fakten nicht unberührt lassen, sofern sie vermeintlich ihre Position unterstützen, zeigen Publikationen aus dem Intelligent Design über die sogenannten Feinabstimmung der Naturgesetze und der lokalen Eigenschaften unserer Erde im Bezug auf das Leben. Hier scheinen naturwissenschaftliche abgeleitete Daten, ihre Vorstellungen auch von einem Design des gesamten Kosmos zu unterstützen. Ableiten lassen sich solche Feinabstimmungen aber nur, wenn man diese Naturgesetze auch allein verantwortlich für die Entstehung und die evolutive Entwicklung des Lebens hält. Gerade das wird jedoch von der Intelligent-Design-Bewegung zentral bestritten. Kosmisches Design der Naturgesetze ist daher keine zusätzliches Argument für Intelligent Design, sondern steht deren antievolutionistischen Haltung diametral entgegen.

Das Gleiche gilt für die Eigenschaften der Erde. Warum sollten sie so exakt an die Notwendigkeiten für Entstehen und Entwickeln von Leben angepasst sein, wenn gerade das Leben vom intelligenten Designer in direkter Weise kreiert worden sein soll? Die frühere teilweise benutzte Argumentation war dagegen viel logischer. Wenn man zeigen kann, dass die Erde für das Leben zumindest für dessen rein natürliche Entstehung völlig ungeeignet ist, würde das viel eher auf die zur Erklärung eventuell notwendige Tat eines intelligenten Designers schließen lassen.

Solche logischen Inkonsequenzen lassen sich am besten in der interdisziplinären Auseinandersetzung erkennen, bei denen es uns um die Glaubwürdigkeit der Evolutionstheorie weiß Gott nicht bange sein müsste. Aus der Sicht von Hans Küng sind es eher die Kirchen, die ein Nachholbedarf haben, denen es aber andererseits auch nicht schaden kann, wenn ihre Positionen durch die interdisziplinäre Auseinandersetzung unter Druck geraten. Andererseits würden dabei aber auch fundamentalistische Tendenzen unter den Naturwissenschaftler auffälliger werden, die glauben ihr Leben und Weltbild allein aufgrund naturwissenschaftlich erwiesener Tatsachen aufbauen zu können. Auch in der Biologie speziell der Humanbiologie existieren viele Phänomene, die sich weit außerhalb einer naturwissenschaftlichen Erklärung befinden. So sollte Sexualkunde weit mehr als die naturwissenschaftlich beschreibbaren Funktionen der Sexualorgane umfassen, insbesondere wenn es zwischen Biologie und Religion an unseren Schulen kein anderes Fach gibt, das in diesem Bereich Lebenshilfe vermitteln könnte.
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